11. September 1998

Die Kirche und die Inkulturation auf Nias

Im folgenden will ich den Wandel in der Arbeit der Kirche auf Nias darstellen. Ich werde mich aber nur auf den der katholischen Kirche beschränken, zum einen weil mir die protestantischen Kirchen auf Nias sehr unübersichtlich sind, und zum anderen weil ich die katholische Kirche besser kenne.

Die Geschichte der Katholischen Kirche auf Nias hat ihren Anfang 1832, als der französische Missionar Jean-Pierre Vallon von der Gemeinschaft der Priester für die Mission (Société des Missions Étrangères) die Insel Nias erreichte und drei Monate lang bis zu seinem Tod das Evangelium verkündete. Auch der zweite Missionar Jean Laurent Bérard, der später in Nias eintrat, starb nach kurzem Aufenthalt auf Nias. Erst über 100 Jahre später konnte die katholische Kirche mit der Mission auf Nias wieder anfangen. Diesmal aber kam sie nach Nias nicht nur auf eigene Initiative, sondern auf die Einladung einer Gruppe von Niassern, die nicht nur die katholische Lehre kennenlernen wollten, sondern auch vor der Last ihrer evangelischen kirchlichen "Steuer" fliehen wollten.

Als die katholischen Missionare nach Nias kamen, hat die evangelische(n) Kirche(n) auf der Insel tiefe Wurzel geschlagen und Nias zu einer christlichen Insel gemacht. 75 Jahre lang seit ihrer Ankunft im Jahre 1865 konnten sie ungestört auf Nias arbeiten. Denn ihnen war es gelungen, von Anfang an eine Regelung mit den Kolonialbesatzern zu vereinbaren, die Nias für 75 Jahre als ein geschlossenes evangelisches Missionsgebiet erklärte. In diesen 75 Jahren haben diese aus Deutschland stammenden evangelischen Missionare viel geleistet. Abgesehen von der Ausrottung alles, was mit der altniassischen religiösen Kult zu tun hat, verdienen sie Anerkennung in zwei Dingen: 1) die komplette Übersetzung der Heiligen Schrift in die Niassiche Sprache von Heinrich Sündermann, die 1911 erschien. Sie ist die älteste und von der Sprache her die beste je gegebene Literatur in der niassischen Sprache; und 2) ihre gute Kenntnisse der niassischen Sprache ermöglichte ihnen, der Kirche ein niassisches Gesicht zu verleihen. So haben sie --bewußt oder nicht bewußt-- den christlichen Glauben mindestens sprachlich einheimisch gemacht, so daß die niassischen Christen sich Niasser und zugleich Christen fühlen. Und das hat die evangelische Kirche viel früher getan, bevor die katholische Mission an Inkulturation anzufangen dachte.

Der neue Anfang der katholischen Mission auf Nias wurde besonders motiviert durch die Einladung der Niasser. Ohne zu zögern nahmen die holländischen Missionare diese Einladung an, und schickte 1939 den ersten Missionar, P. Burchardus van der Weijden, nach Nias. Er eröffnete damit die jetzige Geschichte der katholischen Kirche auf Nias. Ich will aber jetzt nicht über die Geschichte der katholischen Kirche auf Nias sprechen, sondern versuchen, den Wandel, den diese Kirche in diesen 57 Jahren ihrer Geschichte durch erlebt hat, zu beschreiben.

Die ganze Geschichte der katholische Kirche auf Nias läßt sich in 3 Phasen aufteilen:

1. Die Anfangsphase (1939-1959)

Im Jahre 1939 trat der erste katholische Missionar in Nias ein, und ein Jahr später der zweite und kurz danach der dritte. Der Schwerpunkt ihrer Mission war die Ausbildung der Katecheten. Diese Entscheidung hat sich in den nachfolgenden Jahren als treffend erwiesen. Denn diese Missionare wurden dann 1942, drei Jahre nach der Ankunft des ersten Missionars, von den Japanern interniert. Die Katechisten übernahmen unverzüglich die Leitung der 300 Katholiken. 8 Jahre lang leiteten sie die Kirche durch die Schwierigkeiten der Kriegszeit hindurch. Als die Missionaren 1950 zurückkamen, hat sich die Zahl der Katholiken zehnfach verdoppelt. Dies ermutigte sie, die Mission auf Nias fortzusetzen. 1955 kamen die aus China ausgewiesenen deutschen Kapuziner und übernahmen die Missionsaufgabe auf Nias von den holländischen Kapuzinern. Seitdem vermehrte sich die Zahl der Katholiken augenfällig. Und die Kirche war voll darauf konzentriert, soviel wie möglich Menschen für die katholische Kirche zu gewinnen. Es ist kein Wunder, daß sie sich keinen Gedanken über eine Einheimischmachung der Kirche machten. Ihnen ging es mehr um die statistischen Zahlen der Getauften als um den qualitativen Inhalt der Mission. Der Titel einer Veröffentlichung aus dem Jahre 1979 könnte schlüssig sein: Werft die Netze aus.

2. Die Expansionsphase (1959-1980)

Nach der 4 jährigen Arbeit dieser Kapuziner zeigte die katholische Kirche auf Nias eine gute Entwicklung, so daß dieses Missionsgebiet 1959 zusammen mit Tapanuli Tengah und Selatan auf Sumatera zu einer Präfektur Apostolik erhoben wurde. In den nachfolgenden Jahren bemühten sich die Missionaren nun auch zum Aufbau der jungen Kirche. Viele neue Stationen wurden eröffnet, neue permanente Kirchen gebaut. Die Schwestern-- und Brüdergemeinschaften eröffneten Schulen, Internaten, Polikliniken, und Ausbildungszentren wie Handwerkerschule, Landschaftanbau, und so weiter.

Auch im Bereich der Liturgie zeigte sich gute Entwicklung. 1974 waren alle benötigte liturgische Bücher in der niassischen Sprache vorhanden. Es gab Missale, Lektionarien, Predigthilfebücher, Gesangbuch, Katechismus für Kinder und Erwachsene, Benediktionale und verschiedene Gebetsbücher. Das wichtigste aber war die Rubrik für Wortgottesdienste. Hier leistete diese Lokalkirche einen wichtigen Fortschritt. Während Wortgottesdienst in indonesischen Liturgiebüchern als "priesterlosen" Gottesdienst aufgefaßt wird, erwies sich das niassische Wortgottesdienst als eigenständige Liturgie.

Doch von der Inkulturation war in dieser Phase keine Rede. Die vielen Kirchen, die in dieser Zeit gebaut wurden, zeigten kein niassisches Gesicht und waren fremd von allem, was an der niassischen Kultur von Bedeutung ist. Die katholische Kirche bestand darauf, die fremden Begriffe in kirchlichen Ämtern wie Katechist, Lektor, Penjuru, usw. weiter zu verwenden. Sogar gab es einmal eine Diskussion darüber, ob der Titel "Christus" so bleiben mußte oder auch übersetzt werden durfte. Die Texte aus der evangelischen Bibelübersetzung fanden in der katholischen Liturgie keine Verwendung.

3. Aufbauphase (seit 1980)

Das rasante Wachstum der Kirche in diesem Missionsgebiet veranlaßte Rom, 1980 die Präfektur Apostolik Sibolga zum Bistum Sibolga zu erheben. Ein Jahr später wurde ein Einheimischer, Anicetus Sinaga, als Bischof in diesem neuen Bistum eingesetzt. Die Kirche trennte sich von der Missionskirche und wurde eigenständige Kirche. Die Amtsübernahme durch den Einheimischen führte zu einem Wandel im Bewußtsein der Katholiken. Seit dieser Zeit läßt sich beobachten, wie die Inkulturation sich abzeichnete. Der Bischof selbst, der promovierte Anthropologe, zusammen mit dem Ethnologen-Amateur, P. Johannes Hämmerle, sammelte fleißig die Kulturbestände der Niasser, um eines Tages ein Museum zu gründen, das als Studienzentrum für Kultur funktionieren sollte. Inzwischen ist dieses Museum eröffnet worden. Der Liturg, P. Hadrian Hess, leitet bis heute die Liturgiekommission des Bistums. Er überarbeitete im Geist der Liturigieerneuerung des 2. Vatikanischen Konzils alle Liturgiebücher, führte die Volkserzählungen und Mythen in die Predigthiflebücher ein, ersetzte viele Abbildungen in Veröffentlichungen mit niassischen Ornamenten oder ähnlichen, und das Wichtigste: er benutzt die Bibeltexte aus der evangelischen Bibelübersetzung in den neuen Liturgiebüchern. Außerdem ergrief er die Initiative, neue liturgische Lieder aus dem Boden der niassichen Melodie zu schaffen, und die niasische Kunst in der Kirche wiederzubeleben. Viele Kreuze und Heiligefiguren, die von den Niassern geschnitten wurden, finden Platz in der Kirche und den kirchlichen Einrichtungen. Die Kirche nimmt somit allmählich die niassische Gestalt an. Doch die Bemühungen um Inkulturation beschränkten sich nicht nur auf die Liturgie. Der Architekt, P. Barnabas Winkler, haben einige Kirchen, und Klöster und andere Gebäude im niassischen Stil gebaut. Kurz: Die Katholiken auf Nias sind wie aus dem Schlaf erwachen und erleben jetzt die Wiederentdeckung des christlichen Glauben im Neuen Gewand, im niassischen Gewand.

Die niassische Kirche vor der neuen Herausforderung

Doch das alles ist nur ein Anfang von einem langen Prozeß der Menschwerdung Gottes auf dem Boden der niassischen Kultur. Denn bisher investiert die Kirche viel in die äußere Gestalt. Und wenn die Kirche auf dem niassischen Boden tiefe Wurzel schlagen will, dann soll sie auch in die Lebensphilosophie der Niasser eintauchen. Ich möchte es so sagen:

Vielleicht gibt es kein anderes Wort, das auf Nias leicht mißverstanden wird, wie das Wort Menschwerdung (Inkarnation). Denn die Niasser nennen sich Ono Niha (der Sohn des Menschen), ihr Land Tanö Niha (das Land des Menschen), und ihre Sprache Li Niha (die Sprache des Menschen). Wenn es also auf Nias gesagt wird, Gott ist Mensch geworden, dann könnte ein Niasser assoziieren, Gott ist ein Niasser geworden. Eine falsche Assoziation! Aber theologisch gesehen könnte sie als eine Anspielung dessen gelten, was unser Glaube an Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ausmacht. Wenn wir bekennen, daß Gott in den Lebensraum der Menschen eingebrochen hat, um ihr Schicksal mitzutragen, und es in Gnade zu verwandeln, dann soll er auch auf Nias Niha (Mensch) werden, und unter Niha (Menschen) wohnen. Er soll in der Sprache der niassischen Kultur und Lebensphilosophie sprechen und seinen Willen zum Ausdruck bringen. Auf diesem Weg ist aber die niassische Kirche noch nicht gegangen. Sie ist gerade dabei.