3. November 1999

Mutter. Gedankenimpuls zum Gründungstag der Schwestern von der göttlichen Vorsehung

Einführung

Im Eingangslied haben wir gerade gesungen: Mach Dein Boot bereit, und lass die Segel hochziehen. Mach Dein Herz bereit für die Gegenwart Gottes. Das Lied, das aus der Bilderwelt Indonesiens mit seinen vielen Sees und Meeren kommt, hebt einen Aspekt unserer Beziehung zu Gott hervor. Wir sind wie ein Boot, das auf Wetter und Wind angewiesen ist. Dass wir leben und weiter leben können, verdanken wir Gott, dem Ursprung des Lebens selbst. In diesem Festgottesdienst danken wir Gott für seinen Beistand in der langen Geschichte dieser Gemeinschaft, von seinem Gründungstag an bis heute. Es ist gut, zu Beginn dieser Feier eine kurze Stille zu halten, und die Gegenwart dessen zu spüren, der in unserer Mitte ist.


Gedankenimpuls

Vor ein Paar Jahren, als ich deutsche Konversation mit Schwester Bernardin noch machte, habe ich von ihr ein Buchlein über die Schwestern von der göttlichen Vorsehung geschenkt bekommen. Bei der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst habe ich wieder einen schnellen Einblick in das Buch gemacht. Ich versuchte, mir zu vergegenwärtigen, welche Motive waren es, die zur Gründung dieser Gemeinschaft geführt haben. Am Anfang steht die Sorge um die Weisen- oder Halbweisenkinder, die das damalige Bürgerweisenhaus nicht aufnehmen wollte. Die damalige Situation hat eine Gemeinschaft entstehen lassen, die die Initiative ergriff, diesen Kindern zu helfen. Man spricht von "Zufluchtsstätte", für die wir heute statt dessen das Wort Heimat benutzen würden. Die Schwestern sahen also ihre Aufgabe darin, diesen Kindern Heimat zu geben, ihnen --in der heutigen Sprache ausgedrückt-- zu einem menschenwürdigen Leben zu verhelfen.

Mir fiel dabei das Stichwort Mutter ein. Und zwar in seinem tieferen Sinn, nicht wie es heute in manchen feministischen Köpfen entstellt wird. Mit dem Begriff Mutter verbinde ich die Heimat, also ein Ort, wo man sich gerne aufhält, in dem man sich sicher und geborgen fühlt; Ich stelle mir so vor, dass die Kinder in der mütterlichen Hand der Schwestern die Heimat finden durften. Mit dem Begriff Mutter verbinde ich auch die Liebe, Zuspruch und Zuwendung, wonach schließlich jeder Mensch sich sehnt, insbesondere aber diejenigen, die diese aufgrund ihrer sozialen Lage von der Gesellschaft nicht erwarten können. Mit dem Begriff Mutter verbinde ich noch die Treue, die Verlässlichkeit, das Gefühl, dass man jemanden hat, der an ihn denkt, auf seine Heimkehr auch nach so viel Irrwegen wartet, wie der Vater im Gleichnis des verlorenen Sohnes, der sehnsüchtig darauf wartet, dass sein Sohn zurückkehrt. Ich kann mir vorstellen, dass die Schwestern den ihnen vertrauten Kindern diese mütterliche Liebe mehr oder weniger durch ihren Einsatz haben erfahren lassen. Die Zufluchtsstätte, die sie anboten, ist sicherlich nicht in erster Linie das Gebäude, sondern die Atmosphäre, die sie durch den Umgang mit den Kindern, durch ihre Daseinsweise geschaffen haben.

Doch das, was man mit dem Begriff Mutter verbindet, braucht jeder. Es gehört sogar zum Begriff Gottes selbst. Kein Wunder, dass die Propheten oft vom mütterlichen Antlitz Gottes sprechen. Mag der Begriff Liebe Gottes in der heutigen Sprache abgenutzt zu sein scheinen, eine Ahnung davon bekommen wir aber, wenn wir die mütterliche Liebe erfahren. Deshalb sagt man, wer keine mütterliche Liebe erfahren hat, kann auch religiöse Erfahrung nicht machen. Von mütterlicher Liebe wissen auch die Brüder und Schwestern der franziskanischen Familie zu schätzen. Denn sie gehört zur Grundnahrung jedes Menschen. Deshalb hat auch der Heilige Franz sie in seine Regel eingebaut. Die Brüder und Schwestern sollen zur zweit aus gehen. Und unterwegs sollen sie gegenseitig die Rolle einer Mutter spielen.

Ich weiß nicht, wie weit die Kongregation, die heute mit ganz anderen gesellschaftlichen Problemen konfrontiert als damals im 19. Jh., sich noch zu diesem Anfangsmotiv vom Muttersein verpflichtet fühlt. Eines ist aber klar, dass das, was man mit Begriff Mutter verbinden könnte, eigentlich jeden Tag auf der täglichen Speisekarte jeder Ordensgemeinschaft stehen soll. Mag sein, dass wir uns durch unsere Aufgabe nach außen definieren wollen, also wir sind für die Menschen da. Doch wir sind zunächst für einander da, für die Schwestern und Brüder, die mit mir in einer Gemeinschaft wohnen.


Gehalten am 3. November 1999 in einem Gottesdienst in Generalat der Schwestern von der göttlichen Vorsehung, Münster