1. November 2009

Eine asiatische Theologie in der Vorstellung des taiwanesen Theologen Choan-Seng Song

1. Einführung
2. Der Hintergrund der Theologie Songs
3. Eine asiatische Theologie in der Vorstellung Songs
3.1. Theologie auf dem Weg zu "einer Reise ins Unbekannte"
3.2. Epistemologische Überlegungen
3.3. Gott, Jesus Christus, und die Menschen in Asien
4. Beiträge Songs in der Theologie
5. Literaturhinweis
6. Anmerkungen



1. Einführung

Es scheint offensichtlich, daß Choan-Seng Song von der Kraft der Vision, die er vom Propheten Joel entlieh,(1) so faszinierend inspiriert ist, daß sie ihm zur Motivation in seinen theologischen Bemühungen wird und sie sogar zu einem der vier Schritte in der teologischen Reflexion gehört.(2) In seinem Buch Theologie des Dritten Auges versuchte er diese Vision zu ermöglichen mit der sogenannten Sicht des Dritten Auges, einer Terminologie, die er von dem japanischen Zen-Meister Daisetz Suzuki übernahm.

Eine neue, aus dem Schoß Asiens aber christlich geborene Theologie zu betreiben, ist für Song sehr notwendig, nicht nur weil immer mehr Christen in der Dritten Welt leben und deren Zahl immer größer wird, sondern weil er davon überzeugt, die überlieferte und überhaupt von der europäischen Kultur geprägte Theologie sei unfähig, eine asiatische Spiritualität wahrzunehmen und einen echten Dialog mit den anderen Kulturen außerhalb der christlichen Kultur zu führen.(3) Vielmehr sieht Song die Herausforderung einer neuen asiatischen Theologie als die des Evangeliums selbst, weil die Frohe Botschaft Jesu Christi das Herz Asiens nur dann gewinnt, wenn sie wie der Samenkorn stirbt und auf den Boden Asiens inkarniert wird. Also gehört die Kontextualisierung der Theolgoie zur Dynamik des Evangeliums selbst, das die Menschen in Asien anspricht und sie in das Heilswerk Jesu Christi hineinziehen will. Songs Traum ist es, wie der Buddhismus die Kultur im Osten (z.B. chinesische Kultur) und das Christentum die im Westen vereinigt haben, soll es möglich sein, daß sich das Christentum und die östliche Kultur endlich zusammenzuschließen.(4)

Diese Arbeit mag vermitteln, was Choan-Seng Song in seiner Weise, die Theolgie zu betreiben, herausgebracht hat. Anders als die anderen Theologen aus Asien bemüht sich Song darum, in der Kraft der Vision eine asiatische Theologie zu skizzieren, indem er alle in der asiatischen Kultur möglichen Quellen, ob das Geschichte, Volkslieder, Volkserzählungen oder andere Schriften sind, ausliest und sie theologisch intrepretiert.

Diese Arbeit wird in vier Kapitel geteilt. Das erste Kapitel ist eine Einführung und das zweite wird kurz den Hintergrund der Theologie Songs beschreiben. Das Hauptanliegen, eine asiatische Theologie nach der Vorstellung Songs darzustellen, wird dann im dritten Kapitel erfüllt. Und am Ende versuche ich manche Punkte zu zeigen, die zur Theologie beitragen können und sollen, und andere Punkte, die uns offen bleibende Fragen sein können.


2. Der Hintergrund der Theologie Songs(5)

Choan-Seng Song ist am 19. Oktober 1929 in Süd-Taiwan geboren. Als er noch jung war, brach der Volksaufstand gegen die japansichen Herrschaft aus. Dieser Aufstand ist besonders aufgrund der Rolle der national-chinesischen Regierung gelungen, die dann zur allein herrschenden Regierung in Taiwan wurde. Song hat sich an diesem Aufstand nicht beteiligt, weil er noch jung war, aber die Folgen dieses Aufstandes prägten seine Schul- und Studienzeit.

Er studierte Philosophie an der National Taiwan University in Taiwan, und dann weiter Theologie an der University of Edinburgh und an der Union Theological Seminary in New York. Danach kehrte er in die Heimat zurück und wurde Lehrer im Fach Altes Testament. Diese Lehrtätigkeit dauerte aber nicht lange an. Er kam wieder nach New York und wurde bei Karl Barth und Paul Tillich mit einer Arbeit über das Verhältnis von Offenbarung und Religion promoviert.

Nach der Erwerbung des Doktorgrades in der Theologie kehrte er wieder heim und wurde Dekan des Taiwan Theological College der Presbyterianischen Kirche von Taiwan. Er lehrte im Fach Altes Testament und Systematische Theologie. Es ist nicht zu verwundern, daß seine Theologie stark auf die Bibel basiert. In seiner Lehrtätigkeit setzte er sich mit dem Wandel in der taiwanischen Gesellschaft auseinander, die im Umbruch von einer landwirtschaftlichen zu einer industriellen Gesellschaft ist. Er mußte feststellen, daß das traditionelle Verhalten in der Gesellschaft, Familienbindungen, und gesellschaftliche Ethik in die Krise geriet. In dieser orientierungslosen Zeit gewann die christliche Kirche eine große Zahl an Konvertierten. Aber nach Meinung Songs ist die Aufgabe der Kirche mehr als nur Konvertierten zu gewinnen. "In dem Widerstreit von Nationalismus, Modernisierung, Säkulasierung und Verherrlichung traditioneller Werte sollte sich die Kirche nicht von ihrem eigenen Interesse leiten lassen. Sie sollte versuchen, befreiend für alle zu handeln, indem sie die Kraft der Versöhnung in konkreten Aktionen sichtbar werden läßt".(6) Die Aufgabe der Kirche ist, "dem Prozeß der Modernisierung und der Säkularisierung Sinn zu verleihen". Song versucht dann einen Dialog zwischen der chinesichen Kultur und der christlichen Theologie zu führen. Er fragt sich: was trägt die chinesische Kultur, die überhaupt keine Verbindung mit der christlichen Tradition und Kultur hat, zur christlichen Theologie bei? Er bringt alle Strömungen in der Gesellschaft zusammen in den Dialog, weil er es einerseits für falsch hält, den Fortschritt der Industrie und die damit verbundene westliche Kultur zu verherrlichen, und auch andererseits das konfuzianistische Ethiksystem wiederzubeleben. Während dieser Krise aber kann die Volksreligion und die mit ihr verbundene Lebensphilosophie in der breiten Bevölkerung weiterhin bestehen. Diese drei Strömungen werden als Partner in den Dialog hineinbezogen. Diesem Dialog spüren wir in seinem Buch Theologie des dritten Auges nach.

Später stellt er fest, daß "die westliche Theologie nicht fähig war, eine Theologie der Geschichte zu entwickeln, die für die Völker und Kulturen außerhalb der biblischen Traditionen Raum ließ." Sie können am Heil nur teilhaben, "wenn sie in die Art von Heilsgeschichte hineingezogen wurden, die von der Geschichte des Christentums dargestellt und verkörpert wird."(7) Daher versucht er seine eigene Version der Heilsgeschichte zu entwickeln, die er im Buch The Compassionate God beschreibt.

Seit Anfang der 60-er Jahre ist die Kirche Taiwans herausgefordert, für die Freiheit, Menschenrechte und Selbstbestimmung der Bevölkerung in der Politik einzutreten. Sie kommt zum Bewußtsein, daß sie die Verantwortung trägt, als Stellvertreterin der Bevölkerung gegen die Unterdrückung und Einschränkung vonseiten der national-chinesischen Regierung zu sein. In dieser Situation mußte die Kirche beweisen, die Vorwürfe der Regierung, daß die Kirche unpatriotisch und fremd sei, seien falsch. Sie ist herausgefordet, wirklich einheimisch zu sein. Die Reflexion Songs über das Verhalten der Kirche mit der Politik und ihre Haltung den gesellschaftlichen Problemen gegenüber findet ein Echo in seinem Buch Tell us our Names (das fünfte Kapitel),(8) und Theologie des dritten Auges (das neunte und zehnte Kapitel).

Im Jahr 1971 verläßt er Taiwan mit seiner Familie und wurde Professor in Pacific School of Religion in Berkeley, California. Seine theologische Reflexion ging weiter und führte ihn zu einer asiatischen Befreiungstheologie. Besonders ist er von der Schwarzen Theologie beeinflußt.(9) Zwischendurch war er einige Jahre Beigeordneter Direktor der Faith and Order Commission des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf. Seitdem engagiert er sich auch in der Ökumene. Den größten Teil seines Buches Tell us our Names widmet er dieser theologischen Reflexion über diese Ökumene.


3. Eine asiatische Theologie in der Vorstellung Songs


3.1. Theologie auf dem Weg zu "einer Reise ins Unbekannte"

Bevor wir Theologie Songs darstellen, möchte ich zuerst einen Überblick auf alles, was in diesem Kapitel besprochen werden soll, und versuche, ihn in die Dritte-Welt-Theologen einzuordnen. Es handelt sich um eine asiatische Theologie, wie die Asiaten im Bezug auf die ihre eigene Kultur, Tradition, und Realität von Gott und Jesus Christus reden. Eine Theologie aus dem Schoß Asiens oder eine Theologie aus der Spiritualität Asiens nennt Song seine Theologie. Die Kraft des Imaginierens (vision), die typisch ist für die Spiritualität Asiens, gebraucht er als Werkzeug in der Theologie. Eine intuitive Theologie soll das sein. Er befreit sich von einer strengen systematischen Theologie, wie wir bisher kennen, und die er in seiner Lehrtätigkeit als Professor für Altes Testament und Systematische Theologie gelehrt hat. Er setzt sich ein für eine Theologie mit einem Dritten Auge, eine Theologie, die für die Geheimnisvollen Wege der Menschwerdung Gottes in Asien offen ist. Im Vertrauen auf den Gott, der in der Geschichte handelt, läßt er sich ein --in seinem eigenen Wort-- "auf das Wagnis einer Reise mit unbekanntem Ziel, allein orientiert an Jesus Christus und dem Heil Gottes." (10)

a. Song gehört zu den Dritten-Welt-Theologen, die der traditionell-westlichen Theologie gegenüber kritisch stehen und sich davon bewußt unterscheiden wollen. Sie kamen zum Bewußtsein, daß die Kulturen außerhalb der christlich geprägten Kultur einen anderen Anspruch haben. Sie haben ihre eigene Weise, die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen, und eigene Weise, die Antwort darauf zu formulieren. Song kämpft für eine Theologie, die die Realität Asiens wahrnimmt, die Fragen der Menschen in Asien formulieren kann und die Antwort darauf finden und verständlich machen kann, die die Geschichte und die Tradition der Spiritualität Asiens angemessen behandeln kann.

Das Hauptanliegen Songs ist, den Menschen in Asien zu zeigen, daß der Gott Jesu Christi auf dem Weg ist, ihnen das Heil zu bringen, und zwar der Gott, der ihre Kultur respektiert, ihre Hoffnungen und Ängsten, ihre Lebensrealität wirklich wahrnimmt. Dies wird der Leitpfad seiner Schriften, besonders seines jüngsten Buches Jesus and the Reign of Gott . Das Reich Gottes ist ihnen bestimmt. Seine Theologie ist eine Theologie der Befreiung. Besonders ist er von der Schwarzen Theologie inspiriert. Das gesteht er selbst:

"Unsere schwarzen Brüder haben den Mut und den Willen gezeigt, sich in eine Theologie zu wagen, die sowohl zu als auch aus ihren besondern Erfahrungen als Unterdrückte spricht. Methodisch und inhaltlich können wir in Asien viel lernen von diesem unorthodoxen Ansatz der Interpretation des christlichen Glaubens. Diese theologische Alternative ist ein herausfordernder Beitrag zur christlichen Theologie durch die Dritte Welt".(11)

b. Immer wieder fordert Song in seinen Büchern die Notwendigkeit der Kontextualisierung der Theologie nach der Anpassung der Zeit und des Ortes besonders in der Dritten Welt. Dieser Forderung widmet er sein Buch The Compassionate God, indem er sich mit einer Transponierung in der Theologie auseinandersetzt. Statt der bekannten Terminologie Kontextualisierung verwendet Song hier das Wort Transponierung. Darunter versteht er drei verschiedenen eng verbundenen Bedeutungen. Erstens heißt das eine Verschiebung in Raum und Zeit. Die Theologie wandelt sich je nach Orten und Zeiten, von Europa zur Dritten Welt, vom Mittelalter zur modernen Zeit. Weiter bedeutet das also Kommunikation. Die Theologie soll in der Spache und Kultur der betroffenen Menschen ihren Ausdruck finden. Und letztes soll das ein Prozeß der Inkarnierung der Theologie in der jeweiligen Kultur sein. Sein Ziel ist zu zeigen, daß die Transponierung in der Theologie zur innneren und daher unvermeidbaren Dynamik der Theologie selbst gehört, und daß unsere Theologie eine transpositionale Theologie sein soll.

Selbst von der Terminologieauswahl her würde das Konzept Songs über eine Kontextualisierung in der Theologie deutlich werden und dies soll unterstrichen werden. "Song möchte sich nicht für die Einheimischmachung einsetzen, sondern für die Inkarnation des Evangeliums,"(12) weil er meint, "unsere Nachfolge solte sich darauf richten herauszufinden, was die fleischgewordene Liebe Gottes in Christus zu dieser oder jener Form von Kultur, Philosophie oder Religion zu sagen hat, und nicht darauf zielen, wieviel oder wie wenig wir von solchen Formen für die Verkündigung des Evangeliums benutzen können."(13) So setzt er sich für eine Inkarnierung der Theologie oder in seiner eigenen Terminologie die Transponierung der Theologie ein und nicht für die Inkulturierung der Theologie.

c. Wichtig ist hier zu bemerken, daß Song davon überzeugt, dieser Prozeß würde im Rahmen der traditionellen Theologie nicht möglich sein, und sie sei dazu nicht fähig, einen echten Dialog mit nicht-christlichen Kulturen zu führen. Darüber werden wir noch im nächsten Abschnitt Näheres erfahren. Daher fordert er eine neue Art und Weise die Theologie zu betreiben, den Mut zu einer "Reise ins Unbekannte". Song glaubt, eine Theologie, die aus der Spiritualität Asiens wachsen wird, bringt Neues hervor.

d. Zwei Ausgangspunkte stellt Song in seiner Theologie vor: die Geschichte des Heilwerkes Gottes in Israel und der Urgemeinde und die Geschichte des Handelns Gottes unter den anderen Kulturen außerhalb der jüdisch-christlichen Kultur. Beide sollen geleichberechtigt behandelt werden. Daher beschreibt er die Aufgabe der Theologen besonders im Osten:

"Ihr Hauptanliegen soll sich auf diese Frage beziehen, wie Gott am Leben und der Geschichte der Nationen außerhalb des christlichen Kirchenkreises beteiligt hat. Gott hat Geschichte mit dem Volk Israel geschrieben. Gott hat Geschichte mit der christlichen Kirche geschrieben und er schreibt sie noch. Aber Gott als Schöpfer und Erlöser soll auch Geschichte mit vielen Menschen von Malaysia, China, Japan, und Taiwan geschrieben haben. Wie wurde diese Geschichte geschrieben? Das ist die Frage für christliche Theologen, besonders für die Dritten-Welt-Theologen. (14)

e. Weiter führt Song den ganzen weiten Bereich des Lebens als Gegenstand der Theologie ein. Solch ein weiter Horizont läßt uns Gottes Spuren auch hier und heute nachspüren, sonst bliebe unsere Theologie nur eine Geschichte Gottes in der Vergangenheit. Poetisch schreibt er,

"Schaue draußen durch das Fenster deinen Arbeitsraum und trink die Farben der von Gott beschmückten Natur! Denn es wird viele Farben in deiner Theologie geben. Höre das Bellen von Hunden, das Singen von Vögeln und das Summen von Insekten außerhalb deines Arbeitsraumes. Denn deine Theologie wird so lesbar sein. (15) Denn "überall dort" so behauptet er, "wo es Menschen gibt, hat Theologie ihren Ort, an den Stätten des Leidens ebenso wie an den Stätten des Glücks. Theologie vollzieht sich nicht in einem Vakuum; sie ist ein Geschehen, das sich ereignet."(16)

f. Im Buch Theology from the Womb of Asia stellt er eine vierschrittige Methode in der Theologie vor. Der erste Schritt wäre das Imaginieren (imagination), das uns ermöglicht, die nackte Tatsache wahrzunehmen und sie zu interpretieren. Das ganze Weltall ist von Chiffren voll. Wir brauchen nur sie zu entziffern. Song ist der Auffasung, daß die Kraft der Imaginierung ein Element in der Theologie in Asien werden soll. Er schreibt:

"Sollen die Theologen die Theologie imaginieren? Sie sollen nicht nur, sie müssen sogar. Besonders die Theologen in Asien müssen dazu fähig sein, die Theologie zu imaginieren und sie nicht in Begriffe zu fassen, denn sie leben inmitten der reichen Kultur, die von der Kraft der Imagination und nicht von der Fähigkeit des Konzeptualisierens gebildet wurde. Es ist eine Kultur volltönend vom Rhythmus des Lebens, der sich in den Definitionen, Logik, und Formeln nicht abstrahieren läßt".(17)

Nur klagt Song, daß die vom Westen gebildete Kultur, die von der Kraft der Abstaktion hervorgebracht wurde, Kontrolle über theologisches Denken Asien übernimmt.(18)

Der nächste Schritt ist dann das Fühlen (passion). Darunter versteht er zwei Bedeutungen: sowohl die starke Liebe, als auch das Leiden. Passion ist die starke Liebe, die am Geliebten zu leiden wagt, wenn es sein muß. Deshalb führt eine wahre passion sicherzu Mitfühlen oder Mitleiden (compassion). Beide passionundcompassion können unser Verständnis von der Liebe Gottes heller machen. Im Wortlaut der Bibel heißt das, "Gott hat die Welt so geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat" (Joh 3,16). In diesem Sinne nennt Song Gott: der mitleidende Gott (the God of compassion). Und aus solcher Liebe soll nach Meinung Songs unsere Theologie ihren Ausgangspunkt ableiten.

Compassion leitet uns zum nächsten Schritt: den gemeinschaftlichen Aspekt in die Praxis der Theologie einzubeziehen. Wenn passion von compassion abgeleitet wird, kann das eine Basis sein für eine gewünschte Gemeinschaft, die in ihrem Streben nach Heil gemeinsam lieben und leiden.(19) Die theologische Reflexion kommt nicht nur bis passion und compassion, sondernsie soll sich auch noch dafür einsetzen, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen. Die heutige Menschheit --so analysiert Song-- ist eine "gebrochene" Menschheit und sie "hat eine gebrochene Gesellschaft geschaffen. Sie hat unsere Gemeinschaft mit Gott gefährdet und hat es schwer gemacht, in unserer gebrochenen Gemeinschaft Gott zu hören und ihm zu begegnen."(20)
Daher soll die Theologie für die Vollständigkeit (wholeness) der Gesellschaft kämpfen. Das rührt aber schon den letzten Schritt in der theologischen Reflexion: die Vision. Der Glaube an den mitleidenden Gott, der uns die Auferstehung seines Sohnes als Grund zur Hoffnung gegeben hat, schafft uns den Mut, aus der gebrochenen Gesellschaft die Zukunft zu entwerfen; eine Zukunft aber, die auf die Realität der heutigen Lebenswirklichkeit basieren soll. "Die Christen und die Theologen in Asien lernen, daß unsere Vision von der Zukunft aus der Realität des heutigen Lebens anfangen muß. So ist auch der biblische Glaube Zustande gekommen."(21)



3.2 Epistemologische Überlegungen

3.2.1. Der universale Anspruch des Christentums

Was hier als epistemologische Überlegungen besprochen wird, ist keine Epistemologie im strengen Sinn. Solch eine Epistemologie hat Song nicht in seinen Schriften systematisch eingeführt. Aber er hat doch versucht, manche semantischen und theologischen Begrife zu untersuchen, die nach seiner Meinung einem echten Dialog mit der Spiritualität Asiens Steine in den Wege legen und die Geburt einer kontextuellen Theologie schwer machen.(22) Die Begriffe sind die folgende Ansprüche, die sich eher im christologischen Disziplin befinden: Absolutheit, Einzigartigkeit, Endgültigkeit, Maßgeblichkeit, und das Prinzip der Einschließlichkeit. Zunächst sind diese Begriffe auf Christus angewendet worden, aber später im Laufe der Geschichte wurden sie mißbraucht und auf die Kirche angewendet. Nach diesen Prinzipien habe Christus Anspruch für sich selbst. Er sei absolut. Er habe keinen Bezug zu irgendeinem anderen. Er bilde eine Kategorie für sich. Er sei einzigartig und deshalb lasse sich nicht mit irgendeinem anderen vergleichen. Er sei endgültig, weil er die Erfüllung der Offenbarung Gottes sei. Nach ihm sei Nichts zu erwarten. Und weil er absolut, einzigartig und endgültig sei, so gelte er auch als Maßstab für alle. Nichts anderes kann seine Maßgeblichkeit ausgleichen. Und dazu kommt noch das Prinzip der Einschließlichkeit, das scheinbar von biblischen Texten gerechtfertig ist.(23)

Song aber zeigt, daß die Verwendung dieser Begriffe eher den wahren Sinn der Inkarnation Christi bestreitet als sie wahrnimmt, daß sie mit der Bibel nicht ganz übereinstimmt, und daß sie negative Konsequenzen nach sich gezogen haben. Z.B. das Prinzip der Absolutheit. Wie wird das gerechtfertigt werden? Die Menschwerdung Christi bedeutet ja gründsatzlich, "daß Gott sich selbst relativiert, damit die Menschen Zugang zu ihm finden." Aber was in der Geschichte passiert ist, daß die Verwendung dieses Begriffes zur Mißachtung von Kulturen und Leben außerhalb des Christentums geführt hat. Oder ein anderes Beispiel: die Endgültigkeit. Die Anwendung des Begriffes ist auf jedenfall prbolematisch bei unserem Verständnis von der Natur der Offenbarung Gottes in Jesus Christi. Wir bekennen, Jesus Christus sei die Erfüllung, aber "diese Erfüllung von Gottes Offenbarung in Jesus Christus entfaltet sich weiter in der Geschichte".(24) Außerdem --so fragt Song-- wenn Jesus Christus überhaupt endgültig sei, wie läßt sich seine Endgultigkeit in Bezug auf die anderen Kulturen und Religionen erklären? Wie führen die Einsichten und Lehren von sagen wir Buddha oder Konfuzius zu der endgültigen Erfüllung in Jesus Christus hin? Diese Liste können wir noch von den anderen Begriffen fortsetzen. Song stellt fest, "Die Art des Gebrauchs dieser Begriffe und ihre gängigen Konnotationen neigen dazu, fruchtbaren Austausch in interreligiösen Begegnungen zu verhindern".(25)

3.2.2. Liebe als Prinzip der Theologie

Song ist davon überzeugt, daß das genaue Verständnis von der Liebe Gottes einen Zugang zur asiatischen Spiritualität öffnet und umgekehrt. Deshalb behauptet er, Liebe sei der Prinzip der Theologie. In Auseinandersetzung mit Kazoh Kitamoris Theologie des Schmerzes Gottes (Göttingen, 1972) und Jürgen Moltmans Der gekreuzigte Gott (München, 1972) stellt er sein eigenes Konzept der Liebe vor mit zwei Worten, die er aus Japanisch übernahm, tsurasa und yarusenasa. Tsurasa bedeutet lexikalisch "das Wissen um das unabwendbare Schicksal und die Traurigkeit, die alles menschliche Leben überschattet" oder "das Empfinden einer schmerzenden Leere, die uns orientierungs- und kraftlos macht".(26) Und wenn Song Gott als Gott der tsurasa bezeichnet, schildert er das Herz Gottes selbst, der nach dem Menschen sucht; der auf der Suche ist nach der verlorengegangen Gemeinschaft mit dem Menschen. Mit dem Begriff läßt sich deutlich machen, warum Gott zu Israel die Treue hält trotz aller Untreue Israels.

Das andrere Wort yarusenasa macht das verständlicher. Yarusenasa bedeutet "eine Senhnsucht, die jedoch nicht damit rechnet, daß sie in absehbarer Zeit gestillt würde;" eine Sehnsucht "gegen alle Wahrscheinlichkeit". Eine yarusenasa-Liebe verdichtet sich am ausdrücklichsten im Schrei Jesu Christi auf dem Kreuz. Und Gott kennt beides, schreibt Song. Beide Begriffe --tsurasa und yarusenasa-- ermöglichen uns, die Schmerz-Liebe Gottes zu verstehen. Gott ist der, der nicht allein bleiben will, der nicht zuläßt, daß der Mensch verloren geht. Daher ist der Gott des Zorns, wie er auf dem Berg Sinai erschien, auch ein Gott der Reue, der sein Gericht über die Sünde zur Erretung gereicht und nicht zur Vernichtung führt. Die Schmerz-Liebe bestimmt das Wesen Gottes. Dies wird anschaulich in Gestalt der Menschwerdung Jesu Christi, der sich dadurch um des Menschen willen entäußerte und wie ein Sklave und den Menschen gleich wurde (Phil 2,7). Er ist der tiefste Ausdruck von Gottes Schmerz-Liebe. "Deshalb bildet dieser Art der Liebe das Zentrum das Evangeliums von Christus, und wenn wir wollen, daß sich uns das Herz Gottes erschließt, sollte unser Verstehen bei ihr seinen Ausgangspunkt nehmen."(27) Und Song zieht den Schluß:

"Die Schmerz-Liebe Gottes, wie sie in Jesus Christus offenbar wurde, vermag Christen, die diese Liebe als den Grund ihres Lebens und ihrer Hoffnung verstehen, einen Zugang zu eröffnen zur asiatischen Spiritualität. Denn sie befähigt uns, in ein Gespräch einzustreten mit unseren Mitmenschen aus ganz unterschiedlichen Kulturbereichen.."(28)


3.2.3. Liebe als die Praxis der Theologie

Im Gegensatz zu einer "akademischen Theologie" plädiert Song eine praxisorientierte Theologie, die ständig mit der Realität der Lebenswirklichkeit in Beziehung steht. Die Theologie soll sich auf die Angst und Hoffnung, Leiden und Freude des Menschen beziehen. Denn die Aufgabe der Theologie ist es, die Bedeutung von Gottes erlösender Liebe für die Gemeinschaft der Menschen heute zu erkennen und sie neu zur Sprache zu bringen. Deshalb soll eine Theologie die Praxis der Liebe Gottes zu den Menschen "widerspiegeln".(29) Und sie widerspiegelt sie nicht nur sogar, sondern sie selbst wird die Praxis der Liebe. Denn "Theologie, die aus dieser Liebe schöpft und so selbst liebe-voll wird, läßt uns wahrnehmen, wie auch inmitten von Haß und Verzweiflung die Liebe nicht stumm wird, sondern in Schmerz und in Glück ihren Ausdruck findet." (30)

Weiter bestreitet Song eine allgemeine oder spekulative Liebe. Sie soll in die Praxis umgesetzt werden. Und weil die Liebe praxisorientiert sein soll, soll sie auch partikular sein. Sie orientiert sich für einen bestimmten partikularen Kontext. Beides, die Praxis und der partikulare Kontext der Liebe, spielen unabdingbare Rolle in Theologie. Und nur so läßt sich der Zugang zur Kontextualisierung der Theologie öffnen. Song schreibt:

"Dieser partikulare theologische Ansatz ist unabdingbar für eine Praxis der Theologie, die sich auf dem Hintergrund asiatischer Spiritualität entfaltet... Es geht darum, daß diese Dunkelheit [die diese Spiritualität umhüllt, Laia] erhellt wird durch das Licht der Liebe Gottes, jener Macht, die alle Dinge erhält und die heilende Gemeinschaft aller Dinge Ermöglicht. Eine Theologie, die sich dies zum Ziel setzt, macht sich frei vom irrigen universalen Anspruch, der es der christlichen Kirche bislang so schwer gemacht hat, sich für Impulse aus einer zunächst fremden Spiritualität zu öffnen..." (31)


3.3. Gott, Jesus Christus, und die Menschen in Asien

Nach dem wir manche Steine aus dem Wege des theologischen Verständnisses beiseite gelegt haben, kommen wir jetzt näher zur Theologie Songs. Auf zwei Punkte beschränken wir uns: Gottesbild und Christusbild in seiner Theologie. Es wird besonders gezeigt, was in dieser Theologie neu sein könnte.

3.3.1. Gott: Der Schöpfer und der Erlöser

Gott als Schöpfer findet eine besondere Betonung in Songs Theologie. Auch wenn dies nicht systematisch dargelegt wird, kehrt er immer wieder zu dieser Basis in allen seinen Schriften zurück. Song setzt in seinem theologischen Denken voraus, daß es nur einen Gott gibt, den Schöpfer aller, ganz gleichgültig ob sie sich innerhalb der Heilsgeschichte Israels angeschloßen werden, oder ganz außerhalb und nicht zu tun mit den geschichtlichen Heilwerke Gottes in der jüdisch-christlichen Kultur. Song ist ganz deutlich gegen Emil Brunners,(32) der eine radikale Dichotomie zwischen der Offenbarung in der Schöpfung und der Offenbarung in Jesus Christus macht, und behauptet, daß Gottes Offenbarung in der Schöpfung keine Heilsbedeutung habe und nicht der Weg zu Gott sei. (33) Song hält daran fest, daß alle Völker, sowohl die Juden oder Christen als auch die Heiden, vor Gott gleichberechtigt stehen. Sie sind von demselben Gott erschaffen, und verehren denselben Gott. Er schreibt --noch über Brunners These--, "Die Crux am Ganzen ist, wie der Mensch diesem ein und demselben persönlichen Gott antwortet, der sich sowohl in der Schöpfung als auch in der Inkarnation durch sein persönliches Wort zum Menschen in Beziehung setzt." (34) Schöpfungstheologie --so kann man schließlich sagen-- spielt eine sehr wichtige Rolle und kommt an den ersten Platz vor der Christologie. Für Song ist Christus nie allein betrachtet, sondern immer in Verbindung mit Gott dem Schöpfer und Erlöser. Christologie ohne Schöpfungstheologie ließe keinen Raum mehr für die Kulturen außerhalb der jüdisch-christlichen Kultur. Aber Christologie im Licht der Schöpfungstheologie schließt auch die anderen Völker in den Erlösungsakt Gottes ein.

Oben haben wir bereits das Konzept Songs von der Schmerz-Liebe Gottes erwähnt. Diese Liebe wurde das Grundmotiv des Schöpfungsaktes Gottes. Song stellt den Zusammenhang zwischen Schöpfung und Erlösung her. Die Schöpfung ist die Antwort Gottes auf das Leiden der Welt oder im Wortlaut Apostels Paulus auf "das Seufzen" und die Geburtswehe des Kosmos (vgl. Rom 8,22). Um die Welt zu retten, hat Gott die Welt geschaffen, und genauso wird er auch einen neuen Himmel und eine neue Erde errichten (Offb 21,1). Gott in seiner Liebe läßt nicht zu, daß die Geschöpfe im Leiden stecken. Er schafft und er rettet. "Wo es Schöpfung gibt, ist auch Erlösung. Dies gilt gleichermaßen umgekehrt. Die Schöpfung ist Gottes Erlösungswerk, und die Erlösung ist Gottes Schöpfungsakt".(35) In plastischer Sprache schreibt Song:

Es ist die personhafte Weise, in der Gott auf die Ängste und die Not der Menschheit antwortet: Gottes Herz bangt. Es bangt um die Welt, die schon in ihrem anfänglichen Stadium von der Zestörung bedroht ist. Das Bangen wird zum Schmerz, zum brennenden Schmerz, der Gott in den Akt der Schöpfung treibt. Er gebietet der Macht der tehom Einhalt und läßt das Licht die Dunkelheit des Universums durchströmen. Das ist die Schöpfung vor der Vernichtung bewahrt. Ein neuer Anfang ist gesetzt, ein Anfang, der die Welt durchtragen soll auf ihrem unbestimmten Weg hin zum Ziel. (36)

Weiter schließt Song, die Dynamik zwischen Gottes Schöpfungs- und Erlösungsakt sollte auch in der Praxis der Theologie als Paradigma dienen. Wir geben hier ein langes Zitat von ihm wieder:

"Die Schöpfung ist Gottes rettende Antwort auf den Schmerz und das Leiden in dieser Welt. Diese Antwort ist weniger Erweis der Herrlichkeit Gottes als vielmehr die Offenbarung seiner Liebe und Barmherzigkeit der Welt gegenüber. Mit blutendem Herzen sieht Gott eine Welt, die im Bann von Schmerz und Leiden steht. Darin ist Gott der Theologe par excellence. Wer die Anfänge der Theologie aufspüren will, muß hineinschauen in Gottes Herz. Im Schmerz dieses Herzens um der Welt willen liegt der Ursprung von Theologie. Nicht in einem Vakuum oder inmitten seines strahlenden Glanzes oder Lichtes wird Gott zum Theologen, sondern in der Konfrontation mit der Macht der tehom, jener Finsternis, die Werden, Entfaltung und Erfüllung des Lebens so schrecklich bedroht. Der rettende Schöpfungsakt Gottes ist seine Praxis der Theologie. Schöpfung und Erlösung sind Gottes theologische Existenz. Aus dem Schmerz seines Herzens bricht neues Leben hervor. Die Schöpfung ist der Sieg Gottes über die tehom, sie ist der Triumph des Herzens über die Herzlosigkeit und des Lebens über den Tod. In der Schöpfung liegt das Herz Gottes offen vor uns, wie es sich dem mächtigen Prinzip der Negation entgegenstellt. In Schöpfung und Erlösung ergießt sich das Herz Gottes: Gott gibt sich selbst. Mehr noch: er wagt sich selbst in seiner Auseinandersetzung mit den lebensbedrohenden Realitäten dieser Welt. (37)


So meint Song, daß die Theologie diese Haltung Gottes der Welt gegenüber widerspiegeln soll. Theologie ist mehr als nur ein Akt der Reflexion oder eine Theorie. Sie muß sich auch in Angst und Hoffnung, Leiden und Glück der Menschen einsetzen. Theologie ist praxisorientiert, wie wir es in vorigen Abschnitten gesprochen haben.

Wenn wir bekennen, daß Gott der Schöpfer und der Erlöser aller ist, dann fragen wir nach der Weiterwirkung Gottes unter den Völkern. Mit Selbstsicherheit bestätig Song, Gott ist Immanuel. Er hat gewirkt und wirkt noch weiter unter allen Völkern. Gott hat seine Geschichte in Israel und Christentum gemacht und er wird auch noch Geschichte mit ihnen machen. Aber Gott hat auch seine Geschichte mit den anderen Völkern gemacht und er wird auch noch mit ihnen Geschichte machen. Gott, der Schmerz-Liebe ist, läßt keine Menschen außerhalb seiner Liebe sein. Weil er die Schmerz-Liebe ist, rettet er nicht nur Israel sondern auch die anderen. Keiner kann sich seiner Liebe entfliehen.

In diesem Glauben schreibt Song seine Theologie. Er zitiert Vieles vom Alten Testament, aber er zitiert auch Vieles von den anderen Schriften ob das Rig-Veda, Buddha, Konfuzius, Lao-Tse u.v.a. Song ist davon überzeugt, derselbe Gott, der Israel als sein Volk ausgewählt hat, ist auch der Gott, der in anderen Völker wirkt. Gott ist Immanuel. "Leben ohne Immanuel ist eine Illusion" schreibt er im Buch Theologie from the Womb of Asia.

Geschichte ohne Gott-ist-mit-uns ist ein Schrecken. Es ist eine von Wahrheit, Güte und Schönheit verschlungene ewige Dunkelheit. Aber Leben ist Gott-ist-mit-uns. Geschichte ist Immanuel. Deswegen haben wir also in Asien Gautama Buddha, Mo Ti, Shinran, Gandhi. Daher haben wir diejenigen, ob sie Christen sind oder nicht, die für Menschenrechte kämpfen, sich für Freiheit und Demokratie in Asien bemühen. Immanuel ist ein gewaltiges Zeichen für uns in Asien, wie es für das jüdische Volk in der Zeit des Isaiahs des Propheten war. Die schwierige Aufgabe der christlichen Theologie ist es, die Zeichen des Immanuels in der Geschichte und Kultur Asiens zu identifizieren, und mit ihnen im Leben und in der Geschichte der "schweigenden Millionen" zu kämpfen. Dies ist Immanuel-Theologie, Gott-ist-mit-uns-Theologie. (38)

Kein Wunder, daß er die weisen Aussagen vom Rig-Veda mit den Schriften der Propheten auf die gleiche Stufe stellt. Er interpretiert die Lehre Buddhas im Sinne der Lehre Jesu und vergleicht den Selbstverbrennungsakt der buddhistischen Mönche mit dem Erlösungsakt Jesu Christi am Kreuz. Alles läuft in Harmonie zusammen.

Um für diese Wahrnehmung zu plädieren versucht er zu beweisen, daß das Fremde, das Heidnische in den Heilsplan Gottes mit einbezogen wird. Die genaue Untersuchung des Alten Testamentes zeigt, daß auch die Völker außerhalb Israels eine unabdingbare Rolle in Gottes Plan gespielt haben. "Es gibt deutliche gegenseitige Einflüsse von am yahweh (das Volk des Herrn) und goyim (Nationen), so daß sie zusammen unerläßliche Bestandteile der Heilsgeschichte bilden."(39)

Im Buch The Compassionate God hat er sich mit der Heilsgeschichte von Theologen wie Oscar Cullmann und Arend van Leeuwen auseinandergesetzt. Er konstatiert, daß eine solche Heilsgechichte keinen Raum für die Kulturen außerhalb der jüdisch-christlichen Kultur läßt. In ihr wir der Charakter der Auserwählung Israels und ihre Fortsetzung im Christentum gewährleistet. Und das führt nur zu einer Theologie, die Anspruch für sich selbst hat (an proxy theology). Er schreibt,

Die christliche Theologie der Geschichte ist im hohem Maße eine proxy-Theologie geworden. Di Kirche hat den Deckmantel der Repräsentant von Israel geerbt und die Aufgabe, die anderen Völker vor Gott zu vertreten, auf sich genommen. Es ist ganz selten passiert, daß die Völker draußen für sich sprechen und vor Gott die Rede und Antwort für sich selbst stehen können... In dieser Weise hat die christliche Theologie einen leeren Raum zwischen der Geschichte Israel-Kirche und der Geschichte der anderen Nationen und Völker. Dies hat zum Konzept der Heilsgeschichte geführt, in der diejenigen, die außerhalb der heiligen Geschichte Israels und der Kirche sind, nur unwesentliche Bedeutung haben. (40)

Daher spürt er in der im Westen systematisierten Heilgeschichte solch eine Turm-zu-Babel-Mentalität.(41) "Der Unterschied ist," sagt er, "daß die Bauarbeiter des alten Turmes ihren Zusammenhalt im Raum zu festigen versuchten, so hoch wie möglich in den Himmel zu reichen, während die Theologen der christlichen Kirche, in der Zeit die Verbindung und die Fortdauer von Israel über die Kirche als den wesentlichen Teil der Erlösung Gottes zu versichern, gestreckt bis in das Eschaton hinein --das Ende der Zeit".(42) Er bestreitet so eine Theologie, die er als straight-line-Theologie nennt. In dieser theologischen Perspektive scheint die Heilsgeschichte in einer logischen Ordnung zu sein: die Schöpfung, der Sündfall, die Auserwählung Israels, Jesus Christus, die Kirche als das neue Israel und die letzte Erfüllung, ein greift in das andere. Aber nach Meinung Songs verschafft solche Theologie einen straight-line-Gott. Er sagt, "Ich habe wirklich den Zweifel, daß eine straight-line die gewaltige Komplexität der Erlösung Gottes in der Welt zum Ausdruck bringen kann." Und weiter, "In der Tat, Gott zu einem straight-line-Gott zu machen, ist Gott zu karikieren". (43)

Sogar die Theologie der Geschichte von Wolfhart Pannenberg nimmt er ganz vorsichtig und nicht ohne Kritik an. Das Konzept der Gesamtheit der Geschichte und der universalen Geschichte(44) kommentiert er, "Eigentlich kann dieses Konzept wie die universale Geschichte und die Gesamtheit der Geschichte gefährlich sein, wenn es nicht ganz vorsichtig gebraucht wird. Was oft in der christlichen Theologie passiert ist, ist, daß die Gesamtheit der Geschichte neigt dazu, Verlängerung der jüdisch-christlichen Geschichte zu sein; sie tendiert, sich diese partikulare Geschichte zum universalen Plan zu vergrößern".(45) Daher warnt er die Dritte-Welt-Theologen davor, diese Heilsgeschichte von Pannenberg vorschnell zu akzeptieren. Denn "in der Tat ist es nicht unberechtigt zu vermuten, daß die Dritte-Welt-Nationen keinen oder am höchstens einen zweirangigen Platz in einem solchen Schema der universalen Geschichte finden".(46)

So entwickelt er seine eigene Heilsgeschichte. Jedes Volk hat seine eigene Geschichte mit eigenem typischen Merkmal. Eine Geschichte eines Volkes läßt sich nicht eifach auf ein anderes Volk übertragen, denn sie hat ihren eigenen Kontext mit eigenem typischen Inhalt. Was alle Völker verbindet, ist die innere Dimension der Geschichte. Song schreibt,

"Geschichten der Nationen, obwohl sie partikular und unübertragbar sind, wirken aufeinander in der inneren Dimension des Sinnes. In unserer Semantik der Geschichte müssen wir annehmen, daß z.B. die Geschichte des alten Israels und die Geschichte Indonesiens aufeinander gewirkt haben auf der Ebene des inneren Sinnes... Dies ist der Grund unserer theologischen Erklärung, daß Gott in der Geschichte aller Nationen wirkt. Anders gesagt, es gibt theo-logische Kraft, die unter allen Nationen und Völkern am Werk ist, Sinn für sie schafft, und diesen Sinn zur gegenseitigen Wirkung bringt." (47)

Aber wie funktioniert das weiter? Wie wird die Geschichte Jesu und seine Botschaft auf asiatische Kultur übertragen? Song antwortet dies in einer anderen Schrift, wo er versucht die christologische Aussage "der Maßgeblichkeit Christi" neu zu interpretieren. Er nennt diese Lösung: das Deutungsmodell. In der Geschichte Israels, die er als Proto-Modell bezeichnet, schauen wir, wie Gott unter den Menschen durch eine besondere Nation wirkt, vom alten Testament bis zu Jesus. Daraus entsteht ein Deutungsmodell, das sich auf die Kontexte außerhalb der biblischen Geschichte und Welt anwenden läßt.(48) Nach seiner Auffassung ist die Heilsgeschichte keine abgeschlossene Geschichte. Daher wird dieses Proto-Modell sein Unter-Modell in Kulturen außerhalb der jüdisch-christlichen Tradition suchen. Es findet seine Erfüllung in den Kulturen und Geschichten anderer Völker. Die Aufgabe der christlichen Theologie in Asien besteht deshalb "unter anderem in scharfsichtiger und systematischer Auslegung von Unter-Modellen, die verborgen waren und als Ergebnis der Anwendung des Proto-Modells sichtbar gemacht wurden." (49)

3.3.2. Jesus Christus: der leidende Messias

Wie oben bereits erwähnt wurde, spielt der Aspekt der Menschwerdung Christi eine große Rolle in Songs Theologie. Die Menschwerdeung Christi ist die Konkretisierung der Schmerz-Liebe Gottes, der auf der Suche ist nach dem Menschen. Jesus Christus ist der tiefste Ausdruck von Gottes Schmerz-Liebe. Deshalb bildet diese Art der Liebe das Zentrum des Evangeliums von Christus und wenn wir wollen, daß sich uns das Herz Gottes erschließt, sollte unser Verstehen bei ihr seinen Ausgangspunkt nehmen.(50) Für Song ist Christus immer im Rahmen des Erlösungswerkes Gottes gesehen. Von diesem Ansatzpunkt ist Christologie in seiner Theologie mehr Soteriologie. Jesus Christus hat die Mission, das Reich Gottes zu verkündigen und zu verwirklichen. Er schreibt, "Vom Reich Gottes zu Jesus; vom Zeugnis des Reiches Gottes zum Zeugnis Jesu; von der Erfahrung von Gottes Reich zu der Erfahrung Jesu. Und von dem, was Gottes Reich ist, zu dem, der Jesus ist. Das Reich Gottes ist der Schlüssel".(51) Oder in anderer Stelle, "Der Weg Jesu ist eng verbunden mit dem Weg des Reiches Gottes. Das erste ist von dem lezten abgeleitet. Jesus ist keinesfalls unabhängig vom Reich Gottes".(52)

Und wenn Jesus die Konkretisierung der Schmerz-Liebe Gottes ist, dann ist es nicht schwer zu raten, welches Christusbild Song hat. Jesus Christus ist der leidende Messias. Dieses Bild kommt immer wieder zum Ausdruck, wenn wir seine Schriften lesen. Das wird noch deutlicher, wenn er Christus den leidenden Messias im Gegensatz zu dem instituierten Messias darstellt.(53) Jesus zeigt, daß der Heilsplan Gottes anders ist, gegen alle Erwartungen auf einen politischen Messias, und gegen die Erwartungen der Apostel (s. die exegetische Untersuchung über Mk 10,45; 14,8; Lk 13,32). Erst nach der Auferstehung entdecken sie wieder den wahren Messias.

Nach Vorstellung Songs weigert sich der leidende Messias, der nationalistische Messias zu werden. Er überwindet der starke Tendenz in Israel, Gottes Erlösung in Israel zu beschränken. Aber Jesus durchbricht diesen engen Nationalismus. Das Heil Gottes ist allen Völkern zur Verfügung gestellt. Im Alten Testament hat Israel mehrmals lernen müssen, daß der Heilsplan Gottes viel weiter greift als nur Israel. Jetzt in der Gestalt des leidenden Messias mußte sich Israel dies wieder zur Erinnerung bringen. Das Leiden des Messias hat alle menschlichen Barrieren ersetzt. "Es macht Gott den Menschen erreichbar und ermöglicht ihnen, Teil des göttlichen Erlösungsgeheimnis zu sein. Die Tiefe des Leidens Gottes soll da ausgesetzt werden, wo alle Personen trotz ihrer unterschiedlichen Hintergründe und Traditionen, einander erkennen können als Pilgergenossen im Verlangen nach der Erlösungsmacht Gottes".(54) Das Heil Gottes ist allen Menschen bestimmt, besonders den Ausgestossenen, den Sündern und den Heiden. Um deretwillen hat er auch das Leiden durchlitten.

In diesem Zusammenhang erscheint uns interessant, wenn Song erkärt, wie Jesus den typischen Zentralismus Israels durchbricht und den Zugang zu allen Menschen öffnet. Song stellt den Konflikt zwischen Jesus und den religiösen Leitern und ihren höhen Punkt in der Kreuzigung dar als den Abbruch des religiösen Zentralismus Israel. "Es scheint, daß Jesus den Zentralismus des Glaubens und den Zentralismus der jüdischen Religionsgemeinschaft, die auf diesem Glauben basiert, mit Absicht zum Abbruch bringt. Dies ist im Streit mit den religiösen Leitern seiner Zeit deutlich".(55) Zwei weiteren exegetischen Untersuchungen von der Geschichte des römischen Hauptmann in Kafarnaum (Lk 7,1-10; Mt 8,5-13) und von der kanaanäischen Frau aus Tyrus und Sidon (Mk 7,24-30; Mt 15,21-28) bringt er als Beispiel. Song zieht den Schluß: der römische Hauptmann zeigt uns in seinem Bekenntnis, wie eine Person die Gegenwart der Gnade Gottes in Einsatz kommen kann ohne rasistischen und religiösen Anspruch. "Im Glauben des römischen Soldat läßt sich als die Überwindung der üblichen Grenze der Religion und Rasse interpretieren. Glaube ist in dem römischen Soldat gerechtfertigt --eine Person, die sein ganzes Leben die römische Luft atmete und sich vom römischen Essen sättigte, das den römischen Göttern und Götzen geopfert wurde. Der Zentrismus des Glaubens in der jüdischen Religion ist zusammengebrochen".(56)
Dasselbe erfahren wir in der Geschichte der kanaanäischen Frau. "Was zwischen Jesus und der kanaanäischen Frau passierte, ist ein anderes Beispiel des Glaubens, der die rasistische und religiöse Barriere gebrochen hat. Jesus soll seine Mission bei den Juden als seine wesentliche Mission betrachten haben. Aber solch eine Mission hindert ihn nicht daran, den Glauben, der von einem Nicht-Juden kommt, anzuerkennen und zu unterstützen".(57)


4. Beiträge Songs in der Theologie

Nachdem wir die asiatische Theologie in der Vorstellung Song besprochen haben, versuche ich hier, einige Punkte zu zeigen, die als Beitrag zur Theologie, sowohl in Asien als auch in der Theologie im allgemeinen, gelten könnten.

1. Während die meisten anderen Dritte-Welt-Theologen sich mit der Analyse der Gesellschaft befassen, geht Song seinen eigenen Weg in der Theologie.(58) Ich meine, er beschränkt sich nicht nur auf die Gesellschaftanalyse, sondern er gebraucht außer den biblischen Texten auch die Volkserzählungen, Folklore, Märchen, Gedichte, alte Schriften und jede Art von Erzählung, worin die Geschichte Gottes unter den Völkern Asien --davon ist er überzeugt-- verborgen ist. Er liest sie, interpretiert sie, spürt in ihnen Spuren Gottes nach, und gibt sie im Licht des Gottes Jesu Christi wieder. Und hier liegt eigentlich die Stärke seiner Theologie. Er ist ein Narrativ-Theologe. Kein Wunder, daß sich die Leser aus Asien in seiner Schrift Zuhause fühlen können. Sie können in seinen Schriften Gott wieder neu entdecken als den Gott, der seine Weisheit sowohl den Propheten in Israel als auch den alten weisen Figuren Asien gegeben hat. Und umgekehrt können sie die Botschaft Gottes in ihrer eigenen Denkweise wiedererkennen. Der Gott Jesu Christi ist kein fremder Gott, der ihre Kultur mißachtet und ihre Existenz als nur heidnisch bezeichnet. Gott ist, in Wort Songs, ein farbenblinder Gott.(59) Er kann die Asiaten genauso intensiv lieben, wie er Israel geliebt hat. Gott ist hier und heute. Gott ist Immanuel. Er mischt sich ein in ihre Ängste und Hoffnungen, ihr Leiden und Glück. Er will ihre Lebenssituation ernst nehmen. Songs Theologie kann den Asiaten helfen, ihre religiöse Entfremdung ihrer örtlichen Kultur gegenüber zu überwinden, und einen echten Glauben in Gott und Jesus Christus einzuverleiben.

2. Songs Versuch, die Spuren Gottes in den Volkserzählungen, Gedichten, Schriften, und in den Elementen der Volksreligionen zu entdecken, ist eine hochwertige Bemühung. Denn damit wird er ein Pionier in der Kontextualisierung der Theologie in Asien, nicht nur weil er eine theo-logische Deutung der asiatischen Kulturen und Religionen ermöglicht hat, sondern auch weil es ihm gelungen ist, einige Elemente aus der asiatischen Spiritualität wie z.B. Lotos, Selbstbverbrennung der Boddhisatvas und Ahnenkult christlich-theologisch berechtigtzu interpretieren.(60)

3. Weiter kann die Theologie Songs dazu beitragen, daß die Christen in Asien aus ihrer eigenen christlichen Welt ausbrechen und sich dafür mehr einsetzen, eine menschliche und gerechtere Gesellschaft mitzugestalten Hand in Hand mit anderen Menschen, die nicht Christen sind. Immer wieder fordert Song, daß die Theologie praxisorientiert sein soll, und mit der Lebenswirklichkeit der Menschen zu tun haben soll. Die Theologie ist die Widerspiegelung der Schmerz-Liebe Gottes, der nicht zuläßt, daß sein Volk im Leiden und Hoffnungslosigkeit steckenbleibt. Die Christen sollen ihre Zurückhaltung gegenüber der Politik ihres Landes überwinden (61) und sich für die Gestaltung "des neuen Himmel und der neuen Erde" engagieren.(62)

4. Songs Wiederherstellung der Schöpfungstheologie kann den theologischen Horizont der Ökumene erweitern. In der Schöpfungstheologie Songs kann kein Teilnehmer behaupten, er sei über alle anderen oder habe eine besondere Position, sondern alle lassen sich richten von Gott, dem Schöpfer aller. Alle Völker und Kulturen stehen gleichberechtigt vor dem Gericht Gottes. Die christliche Kirche hat sich daran gewöhnt, wie Song es festgestellt hat, "immer ´christliche Fragen´ zu suchen, um ´christliche Antworten´ auf sie zu geben... Diejenigen Fragen, die nicht unserem christlichen Geschmack entsprechen, kommen in unseren Andachten, Gebeten und Danksagungen nicht vor".(63) Song befreit die christliche Theologie von ihrer Unfähigkeit, einen echten Dialog mit anderen Kulturen zu führen.

Gleichzeitig ist zu bemerken, daß Songs Theologie nicht ohne Probleme angenommen wird. Ich nenne hier einige Beispiele:

1. Im Dialog zwischen den Religionen stellt Song alle auf die gleiche Stufe ohne Unterschiede. Alle verschmelzen zu einer gemeinsamen Harmonie. Die eigene Identität tritt in den Hintergrund. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Zeil des Dialogs: Frieden, Gerechtigkeit, und die anderen gemeinsamen Ziele der Menschheit. Song ist sich ganz bewußt, daß man dafür den Mut braucht, "eine Reise ins Unbekannte" zu machen. Aber wer sich darauf einläßt ohne die Angst, die eigene Identität zu verlieren? Denn der Dialog ist ja nicht nur die Sache der christlichen Religion selbst, sondern die Sache aller Beteiligten. Viele Christen werden sich damit zweifellos schwer tun. Und es ist nicht unberechtigt zu vermuten, daß es den Anhängern anderer Religionen genauso ergehen wird. Deshalb ist die Herausforderung Songs nicht nur an die christliche Religion gerichtet, sondern auch an die anderen Religionen.

2. Dieselbe Kritik läßt sich sagen, wenn Song einfach Paralelle zwischen z.B. der Lehre Jesu und der Lehre Buddhas macht und sie interpretiert ohne Unterschiede zu machen. Wie weit wird das möglich sein? Es scheint uns, daß diese Weise eine Vereinfachung der Probleme ist. Wenn Song Kritik an die christliche Religion übt, dann muß er eigentlich anderen Religionen gegenüber auch genauso tun. Wenn er versucht, die Frohe Botschaft Jesu vom Christentum qua westliche Kultur trennt, soll er es dann nicht auch genauso mit den anderen Religionen tun?

3. Es scheint offensichtlich, daß für Song ein Dialog ein fruchtbarer Austausch zwischen Religionen ist. Und er hat Recht, wenn er sagt, daß jeder Teilnehmer verhindern muß, mittels Dialog die Partner zu konvertieren zum Ziel hat. Aber wie weit geht das? Die Religion als die Antwort des Menschen auf die Offenbarung Gottes ist ja nicht nur eine persönliche Sache. Sie führt schließlich dazu, eine Gemeinschaft zu bilden. Das Christentum z.B. ist unvorstellbar ohne die Gemeinschaft der Gläubigen. Ich bin der Meinung, wir können einen Dialog mit den anderen Religionen führen und Hand in Hand mit ihnen zusammenarbeiten für die Gestaltung einer idealen Gesellschaft. In dieser Stufe können wir eine Gemeinschaft mit ihnen erleben. Aber solch eine Gemeinschaft ersetzt nicht die Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen.

Trotz dieser Fragen ist das, was Song geleistet hat, eine unschätzbare Arbeit. Er hat allerdings nicht genau unterchieden zwischen dem Inhalt und der Form der Mission. Es ist richtig, daß diese Form der Mission eine Verwestlichung der Einheimischen und eine Unterdrückung der örtlichen Kultur nach sich gezogen hat. Wegen dieses Missionsverständnisses der Kirche in der Vergangenheit sind die Christen in Asien indoktriniert worden, ihre eigene Kultur zu mißachten und ihre Geschichte zu vergessen. Sie mußten alles neue erlernen: eine andere Geschichte, andere Namen, eine andere Denkweise. Von der heutigen Perspektive aus läßt sich einfach feststellen, es sei eine Zumutung, daß die einfachen Menschen in Asien in ihrem Glauben an Jesus Christus mit einer anderern philosophischen und theologischen Denkweise lernen und leben müssen. Dürfen sie nicht ihren Glauben in ihrer eigenen Sprache und Denkweise zum Ausdruck bringen? Müssen sie immer einen Umweg über Westen machen? Song antwortet mit nein und zeigt, wie das möglich ist. Die Fremdartigkeit des christlichen Glauben in Asien muß ja ein Ende haben. Ein Glaube, der aus der Lebenserfahrung des jeweiligen Volkes hervorwächst, ist kein künstlicher Glaube mehr, sondern ein lebendiger Glaube. Mit seiner Theologie hat Song eine neue Hoffnung belebt. Die Asiaten haben die Chance, ihren Glauben neue zu formulieren und ihn neu zu leben.




5. Literaturnachweis:

  1. Song, Choan-Seng. Theologie des dritten Auges: asiatische Spiritualität und christliche Theologie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1989.
  2. Song, Choan-Seng. The Compassionate God. Maryknoll, New York: Orbis Books, 1982
  3. Song, Choan-Seng. Tell us our names. Story theology from asian perspektive. Maryknoll, New York: Orbis Books, 1984.
  4. Song, Choan-Seng.Theology from the Womb of Asia. Maryknoll, New York: Orbis Books, 1986.
  5. Song, Choan-Seng. Jesus and the Reign of God. Maryknoll, New York: Orbis Books, 1993.
  6. Song, Choan-Seng. "Die Maßgeblichkeit Christi." in Douglas J. Elwood (Hg.). Wie Christen in Asien denken. Frankfurt a.M.: Verlag Otto Lembeck, 1979, S.147-168.
  7. Freytag, Justus. "Theologie mit einem dritten Auge: Choan-Seng Song, Taiwan" in Hans Waldenfels (Hg.). Theologen der Dritten Welt. Els biographische Skizzen aus Afrika, Asien und Lateinamerika. München: C. H. Beck, 1982.




6. Anmerkungen

1. Joel 3,1b: "Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träüme haben, und eure jungen Männer haben Visionen."

2. S. das vierte Kapitel seines Buches Theology from the Womb of Asia, Maryknoll, New York: Orbis Books, 1986, und das erste kapitel des Buches Jesus and The Reign of God, Maryknoll, New York: Orbis Books, 1993.

3. "Theology that seeks to deal with life and history in Asia with its theological depth cannot be found in the familiar traditions and teaching of the church. In pursuit of theological truths familiarity is a hindrance rather than a help... It limits the sphere of our theological activity. It discourages adventure in faith and closes the door to new insights." Theology from the Womb of Asia, S.17. S. auch S.24, sein Buch Jesus and the Reign of God S.xii, und Theologie des Dritten Auges, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1989, S.14.

4. S. Choan-Seng Song, The Compassionate God, Maryknoll, New York: Orbis Books, 1982, S. 171-172.

5. Die Grundlage für dieses Kapitel ist ein Artikel von Justus Freytag, "Theologie mit einem dritten Auge: Choan-Seng Song, China" in Theologen der Dritten Welt: Elf biographische Skizzen aus Afrika, Asien und Lateinamerika, herausgegeben von Hans Waldenfels, München: Beck, 1982, S. 141-160, und kurze Angaben auf den Umschlägen seiner Bücher. Andere Quellen stehen leider nicht zur Verfügung.

6. Justus Freytag, "Theologie mit einem dritten Auge...,"S. 145.

7. S. Justus Freytag, "Theologie mit einem dritten Auge...," S. 146.

8. Choan-Seng Song, Tell us our Names, Maryknoll,New York: Orbis Books, 1984.

9. S. Choan-Seng Song, "Die Maßgeblichkeit Christi" in Douglas J. Elwood (Hg.), Wie Christen in Asien denken. Ein theologisches Quellenbuch, Frankfurt a.M.: Otto Lembeck Verlag, S. 147-168.

10. Theologie des dritten Auges... S. 32.

11. "Die Maßgeblichkeit Christi," S. 163.

12. Justus Freytag, "Theologie mit einem dritten Auge...," S. 144.

13. Zitiert bei Justus Freytag, "Theologie mit einem dritten Auge...," S.145.

14. The Compassionate God, S. 83.

15. Theology from the Womb of Asia, S.xii.

16. Theologie des Dritten Auges, S.101-102.

17. Theologie from the Womb of Asia, S. 61.

18. Vgl. Theology from the Womb of Asia, S. 61.

19. Theology from the Womb of Asia, S. 144.

20. Theology from the Womb of Asia, S. 158.

21. Theology from the Womb of Asia, S. 208.

22. S. "Die Maßgeblichkeit Christi", S. 147-168.

23. Vgl. Joh 14,6: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich; Apg 4,12: In keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen.

24. "Die Maßgeblichkeit Christi," S. 152.

25. "Die Maßgeblichkeit Christi," S. 148.

26. Theologie des dritten Auges... S. 86.

27. Theologie des dritten Auges... S. 92.

28. Theologie des dritten Auges... S. 96.

29. Vgl. Theologie des dritten Auges... S. 105.

30. Theologie des dritten Auges... S. 106.

31. Theologie des dritten Auges... S. 119.

32. S. "Die Maßgeblichkeit Christi," S. 159.

33. Emil Brunner, Offenbarung und Vernunft. Die Lehre von der christlichen Glaubenserkenntnis. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1961.

34. "Die Maßgeblichkeit Christi," S. 160.

35. Theologie des dritten Auges... S. 55.

36. Theologie des dritten Auges... S. 52.

37. Theologie des dritten Auges... S. 56.

38. Theology from the Womb of Asia, S. 26.

39. "Die Maßgeblichkeit Christi," S. 155.

40. The Compassionate God, S.39.

41. Song interpretiert den Fall des Zusammenbruches desTurmes zu Babel als Akt Gottes gegen das starke Tendenz im alten Testament, das Heil Gottes innerhalb Israels zu beschränken. S. The Compassionate God, S. 21-23.

42. The Compassionate God, S. 24.

43. The Compassionate God, S. 25.

44. Song basiert auf das Buch Pannebergs Basic Questions in Theology, Vol.1, Philadelphia: Fortress, 1970. Leider wurde der originale Titel nicht angegeben. Pannenberg unterscheidet zwischen der Gesamtheit der Geschichte (the totality of history), in der sich Gott in Jesus Christus offenbart hat, und der universalen Geschichte (universal history). Durch dieses Konzept befreit Pannenberg die Theologie vom "Getto der Erlösungsgeschichte" der traditionellen Heilsgeschichte. Vgl. TheCompassionate God, S. 60.

45. The Compassionate God, S. 61.

46. The Compassionate God, S. 61.

47. Jesus and the Reign of God, S. 55.

48. "Die Maßgeblichkeit Christi," S. 154.

49. "Die Maßgeblichkeit Christi," S. 156.

50. Theologie des dritten Auges... S. 92.

51. Jesus and the Reign of God, S. 7.

52. Jesus and the Reign of God, S. 8.

53. In seiner Untersuchung des neuen Testamentes stellt Song fest, daß Jesus immer in Konflikt ist gegenüber der überkommenen Vorstellung Israels von einem Messias. Das Volk --und die Jünger sind keine Ausnahme davon-- erwarte eigentlich einen politischen Messias. Aber Jesus, der nicht anders will, als den Willen Gottes zu widerspiegeln, kommt dieser Vostellung nicht nach. Die Kreuzigung ist der Höhepunkt dieses Konfliktes.

54. The Compassionate God, S. 115.

55. The Compassionate God, S. 136.

56. The Compassionate God, S.138.

57. The Compassionate God, S. 139.

58. Damit ist nicht gemeint, daß er die Gesellschaftanalyse nicht ernst nehmen will. Song behauptet sogar, Die Statistiken können uns Vieles über die Menschen und die Welt erzählen. Er glaubt, Statistik sei nicht nur Zahlen, die Tabelle, oder der Prozentsatz. Sie sind lebendig. Sie enthalten Berichte vom Leben der Menschen, der Arbeiter, der Bauern in Asien oder in irgendeiner Gegend in der Dritten Welt. Deshalb fordert er die Theologen auf, die Statistiken zu studieren. Er schreibt einmal, "Wir sind Statistiker-Theologen, weil wir Statistik studieren, nicht nur als reine wirtschaftliche Daten, sondern als menschliche Daten, nicht als steife und kalte Zahlen, sondern als Zahlen, die von menschlichem Schweiß und vom Blut pochen."Theology from the Womb of Asia,S. 83.

59. S. Jesus and the Reign of God, S. 51-52.

60. S. das fünfte und sechste Kapitel des Buches Theologiedes dritten Auges, S. 122-180.

61. S. auch das ganze fünfte Kapitel des Buches Tellus our Names, S.163-180. "Der Widerstand gegen die Macht des Drachen, die in repressiven Regimen und in der Grausamkeit und Schlauheit der Regierenden verkörpert wird, ist eine authentische christliche Wahl (option)", hier: S. 167.

62. Vgl. Jesus and the Reign of God, S. 63-65.

63. Zitiert bei Justus Freytag, "Theologie mit einem dritten Auge...," S.153.

Bemerkung: Dieser Aufsatz wurde als Seminararbeit in meinem ersten Semester an der Westfaelische Wilhelms-Universitaet, Muenster, erstellt.