11. Februar 2001

Kann Indonesien in der Zukunft von religiösen Konflikten loswerden?

Die Christen sollen sich nicht provozieren lassen. Sie sollen sich statt dessen vom Glauben motivieren lassen, und aktiv Frieden stiften. Mit diesen sanften formulierten Worten wandte sich Kardinal Julius Darmaatmadja, der Vorsitzende der indonesischen Bischofskonferenz am ersten Weihnachtstag 2000 an die ganze Nation. Er wollte damit die Christen beruhigen, die am Heiligabend von einer Reihe Bombenexplosionen an mehreren Kirchen in einigen Städten Indonesiens erschüttert waren. Man befürchtete, daß die Christen zurückschlagen würden. Dazu ist aber Gott sei Dank nicht gekommen. Doch der Kardinal wird auch in der Zukunft wieder auf solche Worte zurückgreifen müssen.


Denn das war nicht zum ersten Mal, daß die Christen zur Besonnenheit aufgerufen werden. Immer wieder hat es in der Vergangenheit zum wiederholten Mal gegeben, daß die Kirche Objekt der Brandanschläge waren. Um eine Vorstellung davon zu bekommen: Nur in der letzten Amtsperiode vom zurückgetretenen Übervater Suharto wurden laut Statistik über 500 Kirchen von den Moslems geschädigt oder niedergebrannt. D.h. über 100 Kirche pro Jahr oder knapp 9 pro Monat. Zu Recht hat ein Indonesier deutscher Herkunft vor einigen Jahren in zynischer Weise geschrieben, daß Indonesien Weltmeister beim Anschlag auf die Kirchen sei. Seit dem sind noch mehr Kirche in Flammen gegangen. Und immer wieder werden die Christen aufgerufen, ruhig zu bleiben. Fast wie ein Ritual.

Doch auf Dauer wird das nicht mehr funktionieren. Denn der Konflikt zwischen Moslems und Christen in Indonesien ist kein Einzelfall mehr, sondern ein ernsthaftes Problem, das an der Wurzel gepackt werden muß. Die religiöse Harmonie im Alltag, mit der sich Indonesier gewöhnt haben, ist trügerisch. Die gegenseitige Einladung zu religiösen Feiern, unter der viele in Indonesien den Dialog der Religionen verstehen, ändert auch nichts daran. Für viele ist die Beziehung mit den anderen Religionsangehörigen nur die Frage der Toleranz. Die Anwesenheit der anderen müssen sie tolerieren, weil es nicht anders sein kann. Die anderen bleiben aber Fremdkörper, der toleriert werden kann, solange er ein Vorteil bringt.

Es stimmt zwar, daß hinter der Anschlagsserie auf die Kirchen eine Gruppe steht, die bestimmtes politisches Ziel verfolgt. Sie könnte aus dem Kreis des ehemaligen Präsidenten kommen, der sich ja wie oft in der Vergangenheit die Sprache der Gewalt bedient hat. Deshalb sollte man nicht alle Moslems in Indonesien für diese Gewalttaten verantwortlich machen. Von diesem gesunden Standpunkt geht auch der Kardinal in seiner Stellungnahme aus, und die These wird allgemein angenommen.

Aber solche These öffentlich vortragen und die Christen zur Geduld aufrufen, reicht nicht um das Problem zu lösen. Denn solche Erklärung ändert nichts daran, daß es ein ernsthaftes Konfliktpotential im Verhältnis zwischen Christen und Moslems in Indonesien gibt. Die genannte Gruppe kann ja dieses Potential nur ausnützen, weil es tatsächlich vorhanden ist. Ein bester Beweis dafür ist, daß viele Brandanschläge in der Vergangenheit nicht etwa in anonymer Weise geschahen, sondern in Massen und in den Augen der Öffentlichkeit. Wie kann man sonst erklären, daß sich viele Moslems nur aufgrund eines Gerüchts oder sonstiger Kleinigkeit plötzlich mobilisieren ließen, um die Kirchen, die nach ihrer Meinung für Christen das Heiligste ist, anzugreifen? Wie läßt sich sonst erklären, daß es so oft geschehen war?

Bis vor kurzem hat Indonesien immer mit Stolz auf die ideale religiöse Toleranz und Harmonie hingewiesen. Ein Musterbeispiel nannte man gerne das harmonische Zusammenleben zwischen Christen und Moslems auf den Molukken Inseln. Dann brach vor zwei Jahren der Krieg zwischen ihnen aus. Bis heute. Die Christen dort haben schon Hilferufe an die Vereinten Nationen gesendet. Aber in New York interessiert niemand die kritische Lage dort. Die vielen Toten, die bei diesem sinnlosen Krieg ums Leben kamen, sind in den Augen der ganzen Welt nicht wert.

Und die neue Regierung unter dem Präsidenten Wahid kann den Konflikt trotz der vermeintlichen Bemühungen nicht in Griff bekommen. Man schaute zu, wie tausenden zum Dschihad aufriefen, auch als sie sich am Vorort von Jakarta trainieren ließen und später mit großen Schiffen zu den Molukken aufbrachen. Man las Meldungen davon in den Zeitungen, aber die ganze Nation mit ihrer 170 Millionen Moslems regte sich nicht auf. Also?

Mit Sicherheit wollen sich viele an dem Heiligen Krieg nicht beteiligen. Aber ihn zu verhindern, will man ja auch nicht. Vielleicht hat man dabei gutes Gefühl. Diese Krieger leisten uns ja nur guten Dienst. Sie nehmen uns ab, den eigenen Fremdkörper zu beseitigen.

So gesehen ist die religiöse Harmonie in Indonesien nur eine künstliche Harmonie. Vielleicht ist sie auch eine aufgezwungene, ob es nun politisch, oder ethisch, oder gesellschaftlich motiviert wird. Sie kann das Konfliktpotential nur dämmen, aber nicht entschärfen. Wenn die Christen und Moslems an diesem konfliktbergenden Verhältnis nicht gemeinsam arbeiten, bleibt die Spannung zwischen ihnen eine Zeitbombe, die jederzeit explodiert, wie bisher.

Sollten aber in der Zukunft die Christen und Moslems in Indonesien nicht nur neben einader sondern mit einander leben, muß erstens die sogenannte religiöse Toleranz ein Ende haben. Die Anwesenheit der Anderen soll nicht nur toleriert werden, sondern sie haben Recht wie jeder andere auch im Staat zu existieren. Sie sind gleichberechtigte Bürger, auch wenn sie anderer Religion angehören. Zweitens soll der Wunsch, Indonesien nach den Grundsätzen des Islams zu gestalten, abgelegt werden. Und drittens sollen viele Moslems endlich damit aufhören, die Christen als Fremde zu betrachten. Das Christentum kam nach Indonesien zwar durch den Westen, aber der Islam wurde ja nach Indonesien von den arabischen Kaufleuten gebracht. Die Christen sind genauso wie jeder andere gleichberechtigte "Söhne und Töchter des Volkes", wie die Indonesier liebevoll zu sagen pflegen. An diesen Punkten müssen Christen und Moslems arbeiten. Sie müssen ein neues nationales Bewußtsein entwickeln. Und wichtig ist noch darüber offen zu reden. Bis dahin ist aber für viele noch ein weiter Weg. Bis dahin werden noch mehr Kirchen in Brand gesetzt und die Christen müssen viel Geduld üben.

Münster, 10.02.2001
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